Die zweite Woche unseres Trips ist bereits angebrochen und nach unseren Besuchen der Niederlande und Belgiens sind wir mittlerweile in Frankreich angekommen. Genau genommen in Calais und das ist mal wirklich eine Reise wert. Passend zu unserem Trip habe ich diese Woche endlich mal ein tolles Interview für euch aus einem deutschsprachigen Nachbarland! Ich habe mich SPECK über die Szene daheim, ihren Sprung nach Deutschland, das Freak Valley und noch einiges mehr unterhalten. Beißt euch rein.
Es ist wieder so weit und ich freue mich euch erneut zu einer neuen Folge des Blogworms begrüßen zu dürfen, dem Blog für den deutschsprachigen Heavy Underground mitsamt seiner Peripherie. Da wie erwähnt dieser Blog nicht nur für Bands aus Deutschland gedacht ist, freue ich mich umso mehr heute endlich mal einen Vertreter aus einem Nachbarland, genauer gesagt Österreich, vorstellen zu dürfen. SPECK aus Wien ist ein instrumentales, psychedelic Krautrock Quartett, welches auch hier in Deutschland wahrscheinlich mit zu den bekanntesten Vertretern gehört und den Zuhörer regelmäßig mit ihren hypnotischen Jams in ihren Bann zieht.
Hi erstmal und vielen Dank, dass ihr mir die Möglichkeit gebt heute ein bisschen Hintergrundwissen über SPECK zu erfragen. Stellt doch erstmal euch und euer Projekt vor. Was ist die Geschichte hinter SPECK?
Marcel: SPECK ist tatsächlich ganz organisch entstanden. 2019 mussten wir spontan einen Slot füllen, also sind wir eingesprungen und haben einfach gejammt. Das kam wohl gut an, denn zwei Wochen später wurden wir als Support für Ecstatic Vision in Wien gebucht. SPECK ist dann als anfänglicher Wortwitz für den zu füllenden Slot an jenem Abend einfach hängen geblieben und seitdem haben wir nicht mehr aufgehört, gemeinsam Musik zumachen. Irgendwann haben wir festgestellt, dass wir wohl nun eine Band sind. *lacht* Seit 2025 ist auch Lukas fester Bestandteil unserer Formation und wir hätten es uns nicht besser wünschen können.
Wie kann man sich die Szene in Österreich vorstellen? Ist es dort als Newcomer ähnlich wie in Deutschland, oder ist der Zugang zur Szene einfacher, oder vielleicht sogar schwerer? In wieweit würdet ihr Wien und die anderen Großstädte in Österreich da nochmal gesondert stellen im Vergleich? Für die Leser zur Information: meines Wissens nach gibt es in Österreich gerade einmal 6 Städte mit über 100.000 Einwohnern, in Deutschland zum Vergleich sind es über 70.
Marcel: Die österreichische Szene ist definitiv nicht zu unterschätzen, aber sie ist nicht so groß oder breitenwirksam wie die deutsche. So etwas wie den WDR Rockpalast gibt es bei uns leider nicht. Psychedelic Rock und Krautrock sind zwar Begriffe, aber in Deutschland haben sie einen anderen Stellenwert. Das merkt man allein schon an der Vielzahl deutscher Festivals.
Patrick: Ich bin oft beeindruckt von Deutschland, wie viele Bottom-Up/DIY-Veranstalter es gibt; und wie viel Liebe und Energie die hineinstecken. Mir fällt hier das Plattenzimmer in Altötting oder der Yolohof in Heidelberg ein, oder das Glashaus in Bayreuth. Solche Orte bieten Bands Möglichkeiten, einzusteigen, das ist super. In Wien fehlen uns leider die Jugendzentren und der einfache Einstieg, andere Städte wie Linz sind hier mit der KAPU besser aufgestellt. Achja, und die Szene in Deutschland ist definitiv altersübergreifender, da gibt es Freaks von jung bis alt, in Wien ist das Publikum eher jünger.
Marcel: Oh ja, einiges! Eine vollständige Liste würde den Rahmen sprengen, aber hier ein paar meiner Lieblinge quer durchs Gemüsebeet: Hypnotic Floor, Lurch, Liquid Earth, Triptonus, Zepter, Opium Masala, Das Freie Energie Band, Melt Downer, Savanah, Baits, Bum Shelter, Portia, Avalanche, My Friend Peter, Ryte, Grimms Eye, KRPL, Takeshi’s Cashew, Heavy Minds, Cadu, Wet Spinach, Lupus, Mothers of the Land, Kobudai und Zappzarapp.
Patrick: Wer wissen will, wer da Neues kommt, verfolgt am besten die Shows von Dazed & Confused Shows Vienna, insbesondere das Dragged into Bliss Festival. Die Line-ups haben immer viel zu bieten.
Hier in Deutschland merkt man, dass es immer schwieriger wird Leute auf Konzerte zu bekommen. Die Nachfrage nach Live-Events ist gefühlt so mau wie lange nicht mehr, wenn es nicht um große Arenatouren oder Massenevents geht. Bemerkt ihr das auch und was sind die Parallelen zur Heimat?
Patrick: Leute zu mobilisieren ist immer ein Thema. Am besten gelingt es den Veranstaltern, die ein gutes Händchen bei der Bandauswahl haben und konsistent gut liefern. Die sind quasi der Lokale Szene-Hub, mit dem es läuft.
Marcel: Auf jeden Fall. In Österreich gab es beispielsweise das Stick & Stone Festival und das Lake on Fire, beides bedeutende Festivals für die Szene. Ohne Freiwillige wären diese Veranstaltungen sowieso kaum realisierbar gewesen. Die eingangs erwähnten Faktoren haben die Umsetzung zusätzlich erschwert, und nach aktuellem Stand werden diese beiden Festivals wohl auch nicht mehr stattfinden.
Patrick: Es gibt eine breite Palette an Festivals von DIY und unter der Hand, bis hin zu den ganz großen Nummern - und alle mit unterschiedlichen Motivationen. Dasselbe ist bei den Bands, einige machen’s um des Machens willen, andere möchten kostendeckend unterwegs sein, und wieder andere haben auch den kommerziellen Aspekt dabei, dass auch die Musik den Lebensunterhalt deckt. Ich glaube, im mittleren Bereich, wo das Ganze noch nicht komplett professionalisiert ist, aber schon sehr groß ist, gibt es den meisten Druck - auch aufgrund der Inflation der letzten Jahre.
Lukas: Ich habe das Stick & Stone Fest organisiert und neben den behördlichen Hürden kommen auch noch soziale Aspekte dazu. Wenn es innerhalb des Vereins regelmäßig zu Streitigkeiten und Missverständnissen kommt, dann ist das natürlich eine Belastung. Man muss sich die Frage stellen, ob es wirklich zielführend ist, Freundschaften und gute Beziehungen für das Festival zu gefährden. Trotzdem war es eine tolle Zeit und ich freue mich immer wieder, wenn junge Leute sich trauen, selbst ein Festival zu organisieren.
Marcel: Es gibt kein Erfolgsrezept. Dran bleiben, einfach machen und Netzwerken.
Patrick: Venster99, Roadtrip to Outta Space in der Arena, die Kerberos-Festivals Echoes of Erebos und Strom im Berg, D&C Shows Vienna sind gute Anlaufstellen. Das Arena Beisl in der Arena ebenfalls.
Wie habt ihr den Schritt ins Ausland, insbesondere Deutschland geschafft? Ihr seid ja mittlerweile bedeutend internationaler unterwegs, was für viele Bands ja immer der große Traum bleiben wird.
Marcel: Wir haben möglichst jedes Trittbrett mitgenommen und das hat uns nach und nach an verschiedenste Orte in Europa geführt, wo sich dann wieder neue Chancen eröffnet haben. Die ersten Jahre haben wir jedenfalls sehr viel gespielt.
Patrick: Den Schritt nach Deutschland haben wir über die Niederlande geschafft :D Unsere erste Reise hat uns durch Peter Dragt (Bismut, DUNDDW) nach Nijmegen verschlagen und dann noch nach Köln ins Hopla zu den Leuten von Smokemaster und Der Neue Planet. Dort haben uns einige gesehen, und dann waren die Kontakte da und es ist gelaufen. Das war für uns auch so ein Moment mit: “Wollen wir wirklich bis nach Nijmegen fahren und das alles machen?” - “Ja why not … Im Worst Case ist’s a guter Ausflug!”. Danach lief es ganz gut.
Marcel: Wir organisieren alles selbst und bekommen mittlerweile Unterstützung von unserem Booker Thomas von Broken Music. Wir spielen hauptsächlich Weekender, weil wir alle Jobs haben und das so am besten für uns alle passt.
Patrick: Die Balance ist schwer. Wir sind deswegen auch weniger unterwegs als möglich wäre. Da wir ja auch immer improvisieren, schließen wir sehr intensive Touren auch aus - man möchte ja frisch bleiben und sich selbst nicht abspielen. Daher spielen wir am liebsten Weekender. Zum Glück steh ich gerne früh auf und Marcel fährt gerne Auto - damit kriegen wir die vielen Kilometer auch gut runter :D
SPECK live at Freak Valley 2024 ist eine euer letzten Veröffentlichungen. Witzigerweise war ich in dem Jahr auch da und kann mich gut daran erinnern, dass ich vor der Bühne im strömenden Regen stand, ziemlich meditativ die Augen geschlossen hielt und mir zu eurer Musik ein paar Gedanken zu einem Thema machen konnte, welches mich zu dieser Zeit sehr stark beschäftigt hatte. Dies war endlich der Moment, in dem ich mich für selber eine wichtige Entscheidung treffen konnte, die mich bis heute im positiven Sinne verfolgt. Wie war für euch dieses Konzert und was waren für euch bisher so einschneidende Erlebnisse, an die ihr euch gerne zurück erinnert?
Marcel: Wow, sehr cool! Es ist schön zu hören, dass unsere Musik einen so nachhaltigen positiven Einfluss auf dich hatte. Das Freak Valley hat auch uns nachhaltig geprägt. Es war die größte Bühne, auf der wir bisher gespielt haben, und wir haben mittlerweile ein sehr freundschaftliches, fast schon familiäres Verhältnis zu den Rock Freaks aufgebaut.
Patrick: Das Konzert war der Wahnsinn. Man hat ja immer eine gewisse Anspannung vor Gigs - aber hier war es wahrlich “a irsinniger Druck”.
Nach Godsleep, vor Amyl and the Sniffers, WDR Rockpalast, große Bühne - echt heftig für ein Impro-Setup - es ist aber total aufgegangen. Ich erinnere mich noch daran, dass mir beim Spielen, als ich aus einer gewissen Trance aufgewacht bin, Folgendes durch den Kopf ging: “Oh damn, es regnet - passt, jetzt heißts anzahn und zum shaken motivaten!!!”. Abgesehen von dem Gig waren die ersten Gigs sehr wichtig. Nur ein Impro-Set auf der Bühne zu spielen - da fühlt man sich schon sehr nackt und verletzlich, man kann sich ja an nichts anhalten außer sich selbst und die anderen - und da kann auch viel in die Hose gehen. Da die Akzeptanz, den Zuspruch und die Bestätigungen von den Leuten zu bekommen, das war sehr besonders.
Was ist das für ein Gefühl auf einem der größten und bekanntesten Stoner und Psychdelics Festivals zu spielen? Wie läuft es da hinter der Bühne ab?
Marcel: Hinter der Bühne ist alles sehr entspannt und gut organisiert. Die meisten tauschen sich aus, essen, trinken oder gehen vor dem Auftritt kurz in sich. Nichts allzu Aufregendes. Die Bühne selbst war schon Ehrfurcht gebietend, aber wir wurden mit offenen Armen empfangen und da wurde aus Nervosität Vorfreude.
Patrick: Hinter der Bühne ist alles super smooth abgelaufen. Hut ab vor der Freak Valley Crew. Wir kannten ja auch einige der Rock Freaks schon, daher war’s sehr familiär. Auf der Bühne hat man schonmal einen gewissen Respekt vor der Größe und der Menge an Leuten. Wenn man dann aber so in die erste und zweite Reihe schaut, bekannte Gesichter grinsend sieht, und die Köpfe wackeln sieht, dann weiß man: Das ist ein Heimspiel - das wird geil!
Wie sind eure anderen Aufnahmen entstanden? Folgt ihr da klaren Mustern, oder jamt ihr einfach drauf los und guckt was funktioniert und was nicht? So ein 2 Stunden Jam kann ja auch sehr ergiebig sein, wenn man nachher das Beste daraus zusammen sammelt ;)
Marcel: Einfach drauf los und nicht zu sehr darüber nachdenken. Am Ende muss es sich gut anfühlen und beim Hören Spaß machen. Dann überlegen wir uns, wie wir das anlegen und was dazu passt. Den Jamcharakter wollen wir unbedingt beibehalten. Bisher haben wir die Jams so genommen wie sie waren. Dieses Mal probieren wir etwas Neues und greifen im Mix und im Editing stärker ein.
Patrick: Einige Aufnahmen passieren sehr frei drauf los, da fängt wer an und es rennt. Zeitweise hat wer so 1-2 Takte eine Idee, das war bei der Metz Session z.B. die Idee oder am neuen Album hatte ich auch ein paar Grooves mitgebracht. Die anderen kannten die aber nicht und dann wurde das angespielt. Am ersten Album dachte ich bei Firmament an Sabbaths Planet Caravan - wie würde ich so eine Idee auf den Drums spielen? Es gibt auf jeden Fall den ein oder anderen Gig, von dem ich gerne eine Aufnahme hätte, um zu wissen, wie ich was gespielt habe :D
Ihr habt kürzlich eure komplette Diskographie von Spotify entfernt, was ja aufgrund der allgemeinen Umstände dieses Anbieters durchaus verständlich und richtig ist. Zu dem Thema habe ich mich auch mal mit den Jungs von Dopethrone unterhalten, die das genau so handhaben und ihre Musik nicht über Spotify veröffentlichen. Die Parallele zwischen euch und den verrückten Kanadiern ist natürlich, dass ihr schon eine sehr große Fangemeinde und Bekanntheit habt, für kleine Bands und Newcomer ist der Schritt sich hier klar zu positionieren noch bedeutend größer. Im Moment gibt es kaum eine gängige Alternative, um ohne Hilfestellung auf sich aufmerksam zu machen. Wie seht ihr das und was würdet ihr einer Band vorschlagen, sich hier von Spotify verabschieden zu können und dennoch neue Leute erreichen zu können?
Marcel: Ich glaube, für kleinere Bands ist der Schritt tatsächlich schwieriger, weil Spotify nach wie vor eine enorme Reichweite und niedrige Einstiegshürde bietet. Wir würden deshalb nicht unbedingt dazu raten, sofort alles herunterzunehmen. Wichtiger ist, sich bewusst zu machen, dass Spotify nicht der einzige Weg ist: Bandcamp, YouTube, eigene Website und vor allem Live-Shows und Vernetzung innerhalb der Szene können ebenfalls sehr viel bewirken. Letztlich muss jede Band für sich entscheiden, wie wichtig ihr Reichweite gegenüber den eigenen Prinzipien ist.
Patrick: Spotify ist prinzipiell Marketing für Bands, indem du deine Musik zur Verfügung stellst. Ich bin mir nicht mal sicher, ob man über Spotify so viele neue Leute erreicht. Es bringt den Besuchern von Konzerten schnell einen Einstieg, um mal reinzuhören, z.B. über Festival-Playlists oder so. In unserem Fall ist es Zusatzwerbung für Gigs und Festivals, dadurch haben wir, glaube ich, keine neuen Leute erreicht oder sind entdeckt worden. Unsere Songs sind auch nicht wirklich playlist-tauglich, und wir haben es auch nie darauf angelegt, da wo reinzurutschen. Ich glaube, Leute erreicht man am ehesten durch Live-Gigs und Word-of-Mouth.
Was habt ihr für die Zukunft von SPECK geplant und auf was dürfen wir uns vielleicht noch dieses Jahr oder 2027 freuen?
Marcel: Man darf sich auf ein neues Studioalbum freuen. Ein Release-Datum haben wir leider noch nicht, arbeiten aber laufend daran. Außerdem sind wir noch dieses Jahr in Ungarn beim Jam in the Psych Castle Festival Anfang September. Termine für 2027 sind schon geplant, genauere Infos dazu folgen noch. Am besten folgt ihr uns auf Instagram, Facebook und Bandcamp. So verpasst ihr keine News.
Patrick: Zukunftsplan für Speck ist weiterhin fett brutzeln :D






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